Für die Junge Welt darf ja Elsässer nicht mehr schreiben, Werner Pirker aber immer noch. Der sieht „Obama von den Israelis blamiert“ und weiß, dass es allein Israel ist, das den Friedensprozess blockiert oder genauer: dass die Verhandlungen von Israel „immer wieder auf den Nullpunkt zurück gezerrt werden“. Frech sind sie auch noch, die Juden: „Die Art und Weise, wie Netanjahu und Konsorten mit der amerikanischen Forderung umgehen, kommt einer bewußten Verhöhnung der US-Administration gleich. Sie können es sich offenbar leisten.“ Wenn einer die US-Administration verhöhnen darf, dann allein Pirker selbst, denn der endet nicht nur mit der Feststellung, dass „niemand weniger geeignet ist, einen gerechten Nahostfrieden zu vermitteln als die Regierung in Washington“, sonder schrieb schon 2003 „Ami go home. 12 gute Gründe für einen Antiamerikanismus“ und forderte überhaupt „10 Euro für den irakischen Widerstand“. Solche Leute dürfen also immer noch für die jw schreiben, naja. Gut, dass hier schon alles zu Pirkers Blut und Boden – Fantasien (und, wie man annehmen muss, auch die der jw) verbloggt wurde, muss ich es nicht mehr machen.
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Ja, was gibt´s denn nun zu sagen über den neuen Tarantino? Er ist gut. Die negativen Kritiken haben nicht recht. Die Dialogszenen sind nicht zu lang, die Handlungsfäden versanden nicht, der Film ist insgesamt nicht zu quarkbreit. Das muss schon alles so sein. Außerdem ist es sehr komisch! Loriotesk, geradezu. Überhaupt ist dieser Film nicht so hysterisch überdreht wie die anderen Tarantinos, aber auch nicht bedeutungsschwer-fingerwedelnd. Über weiter Strecken geplant, kontrolliert, genau, mit genau den richtigen Abrutschern ins Chaos. Das Beste natürlich, dass die Nazis nicht verstanden werden sollen, sondern umgebracht. Weil sie Scheusale und Verbrecher sind. Trotzdem bringt Tarantino sie nicht als Pulp-Zombies, das ist nicht Indiana Jones. Auch dank der großeartigen Leistung aller DarstellerInnen scheint durch die Uniform auch der Mensch, der nette Junge, der Sadist, der Charmeur, aber das ist eben keine Entschuldigung und vor allem auch nichts götterdämmerhaft-tragisches, vor dem man ob der tönenden Tragik erschaudern muss. Das sind Arschlöcher und Normalos, die die Macht haben, andere zu schikanieren und fertigzumachen und umzubringen, und das bemänteln die mit Brimborium und Tamtam und Wagnerdonner. Die Basterds sind ganz gewiss keine besseren Menschen, keine Helden, aber sie vergreifen sich nicht an Schwächeren. Sie sind sogar doof, wie Brad Pitt, oder Schlägertypen mit Spaß am Prügeln oder Psychopathen, wie Till Schweiger. Natürlich gibt es in diesem Film keine gute Amerikaner vs. böse Deutsche – Logik. Aber die Basterds machen, was gemacht werden muss, man braucht solche Leute, wenn Verbrecher wie die Nazis erledigt werden sollen. Und die müssen erledigt werden, weil sonst der Krieg nicht aufhört. Ganz toll, dass Tarantino alle Entschuldungsklischees des deutschen Kriegsfilms aufgreift (der kleine Soldat mit dem Sohn zuhause, der grüne Junge, dem die Hofierung durch die Nazis unangenehm ist, der aufrechte Krieger mit dem nur leicht fehlgeleiteten Ehrenkodex, die Doppelagentin, der Überläufer, der aber doch dem größeren Friedensganzen dient) – und sie alle erledigt. Alles wird gezeigt und zugestanden, aber es gildet nicht. Die sterben alle. Schnell oder langsam. Grausam oder gnädig. Aber nie gibt es an ihren Verbrechen was zu deuteln. Wo der deutsche Film immer nur fragt: Aber muss man das aus deren Perspektive nicht irgendwie nachvollziehen, hätten wir nicht alle genau so gehandelt? Da sagt Tarantino: Nee, muss man nicht. Ja, hätten wir vielleicht. Aber was tut´s? Wäre trotzdem abscheulich gewesen. Manche Publikumsleute in meiner Vorstellung waren geschockt, glaub ich, weil sie nicht mehr gewohnt sind, ganz normal böse Nazis zu sehen, keine Zombiemonster und keine tragischen Faustianer, sondern halt Verbrecher mit allem drum und dran. Das ist ja doch eine Zumutung, die man sich schon länger mal gewünscht hat. Und da ist der Film auch viel klüger, als ihm das Feuilleton offenbar zugestehen will, und meilenweit über allen Untergang-Schinken. Die ganze pomo Filmreflektion und Zitatwüterei, die ist schon da, aber wirklich nur Nebenwerk. Man muss kein UFA-Nerd sein, um den Film zu mögen und zu verstehen. Krass, wie sehr der Film eigentlich ein gesprochener Film ist. Immer geht es darum, wer was wie wann sagt und nicht versteht. Ein Film, in dem es darum geht, wie Leute sich unterhalten. Und große Hinrichtungsszene am Schluss, in der das Kino zum Krematorium wird. Ja, aber wird da nicht nur alles umgedreht? Muss man nicht als Opfer eigentlich verzeihen und nicht selbst zur Täterin werden? Nee, warum denn. Ist doch richtig, wenn böse Leute zu Quark geschossen und verbrannt werden und dann noch in die Luft gesprengt. Also, wenigstens in der Fantasie. Im Kino halt.
Am Samstag habe ich auf dem Bildungsspektakel der Naturfreundejugend zusammen mit Kollegin E. einen Workshop zum Thema „Schule und Geschichtsrevisionismus“ abgehalten.
Spiegel online schreibt ja oft gepflegten Müll, aber das hier ist mehr als nur ärgerlich. Da werden sämtliche Register gezogen, von den „Einflüsterungen“ der israelischen Regierung über das, was der Mossad besonders gut kann (nämlich „sabotieren“), bis hin zu der Behauptung, dass Israel ein Regimewechsel im Iran gar nicht recht sei – weil dadurch die angebliche Kriegslüsternheit der Israelis gedämmt werden könnte. Unverfrorener wurde schon lange nicht mehr in einem deutschen Massenmedium geschrieben, dass die Juden überall nur Hass und Gewalt säen, um sich dann als Opfer zu inszenieren, während sie eigentlich nur andere mit Verschwörung und Geheimniskrämerei ins Unglück stürzen. Echt widerlich. Und an Heuchelei nicht zu überbieten: Als ob nicht die geschilderten Medienreaktionen und Kommentare haargenau die wären, die deutsche Medien und auch der Spiegel über Iran publizieren- und als wäre die Kennzeichung des Iran als religiöse Diktatur irgendwie falsch.
So teuer: warum?
Nicht genormt: weshalb?
Zu entwürdigenden Telefonaten zwingend, während man im Supermarktgang davor steht, scheiß-Marketingnamen entziffernd, schlimmer als „Wuppi-Zimt“ und „Weltmeisterbrötchen“ zusammen: wieso?
Freitag bis Sonntag war in Zürich off_pride, sozusagen die kleinere (aber auch feinere) Mit- und Gegenveranstaltung zum diesjährigen Europride. Lukas und ich waren zwecks Filmarbeiten da. Und toll war´s! Das Rahmenprogramm zum „Queerevent“ war super; neben den üblichen Stuhlkreisen zu diesem und jenem gab´s vor allem was zu tun: rund um die Vorbereitung der Parade, aber auch Dinge zum angucken, zum Hören und zum Ausprobieren. Zürich selbst sieht tagsüber wie eine aufgeblasene Version von Lüneburg aus, nachts verwandelt sich die Stadt in ein super-sleazy Rattenloch mit Nutten, Schlägernund Junkies, aber nicht von der pittoresken Sorte, sondern die echte, verzweifelte und gewaltbereite Sorte. Ich habe mich weder in Berlin noch in New York, D.C. oder Addis Abbeba nachts unbehaglich gefühlt, aber in Zürich bin ich ein paar Mal doch ein bisschen schneller gegangen…
Meine persönlichen Höhepunkte:
1. Die Sprache! Ich möchte fast Schweizer werden, odr. Immer sagt man: odr? und zwar auch bei Aussagesätzen mit Verneinung: „Isch find´s net gut, odr?“ Eine weitere gute schweizer Sprachmarotte ist das Endornament. Wenn ein Wort eigentlich schon vorbei ist, kann man immer noch mal „-ieren“ ranhängen, am prominentesten in „parkieren“(statt parken). Dass es statt „Versammlung“ gleich „Besammlung“ heißt, find ich wunderschön, ebenso wie „Ausgang“ statt „Party“.
2. Eine coole Parade. Unangemeldet und unbewacht ziehen da 100+ Leute lautstark durch Zürich, und keine Polizei weit und breit. Undenkbar in Berlin! Und dann crashen die auch noch von vorne in den Europride-Zug und stehlen denen die Show. Unfassbar. Und als wir wieder ausgeschert sind aus dem großen Zug, da waren wir plötzlich 300+. Zu uns verirrt hatten sich Angehörige der schweizer Jusos (verlockender Gedanke, dass die wirklich „Schwusos“ heißen…) und ein Mann im Ledergeschirr, der auf einem Gefährt aus Mülltonnen herumpaddelte. Wenn in einer anarchistischen Zukunft He-Man-Figuren fabriziert werden: so werden sie aussehen!
3. Eine unfassbare Mischungs aus ausnahmslos sympathischen und vielfältigen Menschen. Alles nicht so festgefahren und versnobt wie in Berlin, wo die queere Avantgarde eben doch im eigenen Saft kocht. Musste gar nix passieren, da sein war toll.
4. Eine Wahnsinns-Show am Samstag abend! Queer Burlesque scheint ja das nächste große Ding zu sein, und die waren alle ganz groß. Mit dabei unter anderem:
Dred aus New York
Diamond Daggers aus San Francisco
Eyes wild drag aus Italien
Violetta Storm
Die konnten alle singen, tanzen, schauspielern, playbacken und sahen auch noch gut aus! You bastards! Eine superprofessionelle Show, die man jederzeit für viel Geld in viel größerem Rahmen hätte ausschlachten können.
5. Eine liebevoll aufgebaute „Erotic Lounge“ (der bescheuerte Titel diente wohl der Beruhigung des Vermieters….), in der vom schüchternen Einlösen der Knutschgutscheine (eine knallrote Besucherin in Richtung einer Performerin der Diamond Daggers gewinnt den Preis für die mutigste Anmache mit dieser von den Veranstalter_innen bereit gestellten Hilfsmaßnahme) bis zum Durchhauen am Sandsack alles möglich war und auch gemacht wurde (zumindest war Durchauen zu hören und eine Besucher_in sah im Vorraum später entsprechend verstriemt, erschöpft und glücklich aus. ).
Ich glaube, es ist irgendwie ungehörig, aus diesen Wänden etwas nach außen dringen zu lassen, aber ich denke, es geht ok, verlauten zu lassen, dass meine Nebensitzerin auf der Knutsch-Hüpfburg unser Gespräch mit dem Hinweis begann, das sei ja endlich mal ein Ort, wo man die Füße auslüften könne und sich überhaupt mal in Ruhe unterhalten, und dass die Knutsch-Hüpfburg riesengroß den Aufdruck „Blasi“ trug, wofür ich die Veranstalter_innen besonders loben möchte. Diese Wiederbelebung des Knutschraums war dank der tollen Einrichtung/Deko und den ausnahmslos angenehmen und undoofen Besucher_innen eines der Highlights.
6. Das geflügelte Wort „Uuuuuhhh… wie MÄNNLICH von dir“. Hihi. Und der Hund, der auf der Party schlechte Laune hatte.
Der Film von mir und Lukas kommt so in zwei Wochen oder so. Und nächstes Jahr wieder, wenn es nächstes Jahr wieder ist.
Dieses Jahr ist ja bekanntlich das Jubeljahr des Deutschlands, und am 23.5. wird der Geburtstag des Grundgesetztes gefeiert. Wer Deutschland immer noch nicht so toll findet, kann entweder mit einer im Umfeld dieses Blogs recht bekannten Persönlichkeit seinen Geburtstag feiern, denn da gibt es allemal mehr zu feiern als bei Deutschland, oder pflichtbewusst zu einer der vielen Protestveranstaltungen gehen, in Berlin z.B. zur „Antinationalen Parade“ des „Ums Ganze“-Bündnisses unter dem Motto „Etwas besseres als die Nation-Gegen die Herrschaft der falschen Freiheit“, die um 18 Uhr (wo? natürlich:) am Rosa-Luxemburg-Platz startet.
Von den Würstchen gibt´s dann aber nix mehr ab!
An der Uni Marburg findet Ende Mai ein Kongress der Akademie für Psychotherapie und Seelsorge statt, der sich mit dem Thema „Identität – Der Rote Faden in meinem Leben“ beschäftigt. Eingeladen sind auch Vertreter_innen von Organisationen wir „Wüstenstrom“, die gerne Schwule, Lesben und Transen heilen möchten. Warum weiß kein Mensch, besteht doch schließlich gar kein Bedarf an Heilung, und sämtliche seriösen Psycholog_innen gehen auch mittlerweile davon aus, dass solche Therapieversuche eher schädlich sind – aber es ist so. Mehr dazu schrieb bereits vor Längerem Lukas, der damit offenbar die Trollkohorte dieser unsympathischen Menschen in seine Kommentarspalte gelockt hat. Mir gab das bereits die Gelegenheit, dort die Diskussions-Butch rauszukehren; wer ebenfalls Lust auf Blogbattle hat, möge sich dort oder heir austoben – und natürlich mal nachsehen, was die in Marburg da so treiben.
Morgen wird in Berlin darüber abgestimmt, ob Religion neben Ethikunterricht ein ordentliches Schulfach werden soll. Damit einher ginge ein Wahlzwang für die SchülerInnen – beides darf man nicht. Bisher ist allein Ethikunterricht für alle verbindlich, Religionsunterricht wird außerhalb des regulären Schulgeschehens von VertreterInnen der Religionsgemeinschaften selbst angeboten. Dabei anfallende Kosten trägt aber auch jetzt schon zu einem großen Teil das Land Berlin.
Die Gründe, gegen den Antrag zu stimmen sind schnell aufgezählt: Ganz grundsätzlich sollten sich staatliche Schulen nicht mit der Verbreitung von Religion befassen; allfällig nötiges religiöses Wissen zum Verständnis von Kultur und Gesellschaft hat in Deutsch, Geschichte, Kunst usw. an entsprechender Stelle seinen Platz. Der Antrag von „ProReli“ zielt mitnichten, wie suggeriert, auf Liberalität und Wahlfreiheit; es ist vielmehr eine unappetitliche Mischung aus schlechtem Multikulturalismus (allen ihre „eigene“ Religion und „Kultur“, in die sie nun mal reingeboren werden) und gegenaufklärerischem konservativem Backlash (ohne „Werte“ keine Zivilisation – das sagen die Richtigen). Drittens sind Günter Jauch und die Tante von Polylux dafür, und was diese Fressen gut finden, muss man ablehnen.
Es steht aber zu befürchten, dass ProReli viel stärker mobilisieren kann, weil nun mal die Linke nicht an Volksabstimmungen glaubt. Da steckt „Volk“ drin und zweitens geht man sowieso nie wählen und Schule ist eh scheiße, egal was. Gut und schön, stimmt ja auch alles. Sonntag ist es aber sehr einfach: Die Abstimmung hat konkrete Auswirkungen auf ziemlich viele junge Menschen, denen man doch wenigstens Reli ersparen kann, und darüber hinaus vielleicht noch ein kleines bisschen auf das öffentliche Klima in Berlin. Die Argumentation mit der „Wahlfreiheit“ hübsch sortiert nach „Volkszugehörigkeit“ und dem angeblichen Wert von Religion für die Menschwerdung ist einfach zu dumm, als dass man sie nicht abwatschen sollte.
Fussnote dazu für einschlägig Interessierte übrigens: Im Ethikunterricht werden gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften gleichberechtigt mit anderen dargestellt – und das müssen sich auch Muslime und Christen anhören, egal, was die Eltern sagen. Ob das im Reliunterricht auch so wäre – hm. Die haben schließlich andere „Werte“, die Brüder.
Staatliche Institutionen, auch wenn man sie ablehnt, sind nun mal ein Durchlauferhitzer für Jugendliche, und wenn es da einen Hauch säkularer zugeht, kann man doch mal ein Kreuz dafür – bzw. dagegen – machen. Es tut nicht weh.
Nicht erst seit der letzthin völlig ins fäkal-egale abgeglittene Diskussion, in die Jakob sich mutig mit selbst ernannten Neocommunisten stürzte (und die hier nicht noch mal verlinkt werden soll), fällt mir auf, dass „du alter PoMo“ sich in diesen Kreisen als Standardabkanzelung durchsetzt. Dabei bleibt ziemlich unklar, was ein/eine PoMo so recht eigentlich sein soll. Irgendwie hat es wohl was mit Focuault und Judith Butler zu tun bzw. mit Leuten, die die gut finden. Die nicht ganz ausgeführte Argumentation scheint irgendwie so zu gehen, dass PoMos glauben, man denke sich die Welt irgendwie aus, und damit wäre alles egal. Wer sowas lese, sei für alle Gesellschaftskritik verloren und vielleicht auch ein Nazi. Man verzeihe die Häufung von „irgendwie“, aber diese zum Teil sehr wütend vorgebrachte Kritik ist auch immer so irgendwie. Hm. Ich oute mich mal mutig als Leser sowohl von Foucault, als auch Butler, als auch vieler anderer Bücher, von denen einige in den Dunstkreis der kritischen Theorie gehören. Foucault und Butler kann man sicher für vieles kritisieren, man kann sie auch für belanglos oder ganz und gar dumm halten, aber die paar Punkte, die am Rande der PoMo-Verunglimpfungen so rumschwirren, haben doch mit beiden gar nichts zu tun, oder? Ich lese da immer, dass ihre Argumentation nicht materialistisch sei, was nun wohl mindestens für Foucault falsch ist, wo es beständig um die Zurichtung ganz realer und greifbarer Körper durch ebenfalls sehr greifbare räumliche und zwischenmenschliche Strukturen geht – oder sitzt die Diskussion da schon einem Mißverständnis über den Diskursbegriff auf, der ja eigentlich nicht nur bedeuten soll, dass man mal so über was redet? Und auch Butler hat ja meines Wissens nie behauptet, dass man sich seine Genitalien so herbeifantasiert wie´s einem gerade in den Kram passt bzw. dass es „Geschlecht gar nicht gibt“ oder sowas – womit ja auch ihr eigenes Forschungsinteresse erledigt wäre. Judith Butler hat allerdings ein paar sehr dumme Sachen über islamische Kleiderordnung und Israel gesagt, wofür man sie mit Recht mit Verachtung strafen sollte oder auch beschließen, dass sie die gründliche Widerlegung gar nicht wert ist. Das sollte man dann aber auch so sagen und nicht so tun, als ob man auf inhaltliche Debatten scharf wäre. Wenn man die nämlich führen wollte, würde man es den GegnerInnen auch zu leicht machen, wenn man denjenigen, die man zu Recht oder Unrecht für die Speerspitzen einer postmodernen Bewegung hält, Argumente unterschiebt, die sie nachweislich gar nicht vertreten. Ist es nicht eigentlich genau das Gegenteil von kritischer Theorie, sich mit einem Gegenstand nur aufgrund falsch verstandener Versatzstücke auseinanderzusetzen bzw. statt Argumenten nur Schlagwörter ins Feld zu führen? Ist das nicht recht eigentlich genau das, was man landläufig unter „postmodern (abwertend)“ versteht?
Allerdings scheint es bei einem guten Teil des PoMo-Bashing auch eher um die Anhängerschaft der oben genannten AutorInnen zu gehen, als um diese selbst. Auch gut, jeder kennt ja so dumme Leute, die man mal in einem Seminar ertragen musste. Ist aber eigentlich uncool, Kids, da noch jahrelang nachzutreten. Je nach Tagesform und Einschätzung des Gegenübers geht man doch lieber weg und denkt „Man, seid ihr doof, mit euch red ich nicht“ oder man versucht halt, der falschen Argumentation was entgegen zu setzen.
Aber die idealtypische postmodern gepolte Gender-Studies-Tante, die in solchen Beiträgen entworfen hat, die gibt es doch auch gar nicht, oder? Mir scheint, die Person, die wortreich alles nur für „konstruiert“ hält und von „Machtdispositiven“ faselt, denen mit immer noch einer hochpolitischen Dragshow zu begegnen wäre, bis endlich wieder mit Hilfe der queeren Bewegung rot-grün am Ruder ist, die haben sich die harten Kerle von der kritischen Theoriefront doch nur ausgedacht, vor allem deshalb, weil sie so leicht umzuboxen ist. Man muss nur dreimal ganz schnell „Adorno“ sagen, dann ist sie weg. Schön ist auch, dass man davor und danach auch noch alles sagen darf, was einen an Frauen, Schwulen, Glitzernagellack und überhaupt allem Weichen, Unentschlossenen, das man damit verbindet, immer schon gestört hat. Denn: das ist nicht sexistisch, das ist nicht homophob, das ist: polemisch. Damit ist man immer auf der sicheren Seite. Wo die anderen so übermächtig dumm und in ihrer Dummheit so gefährlich sind, ist jeder Angriff auf ihren Jargon und ihre Freizeitbeschäftigungen kein Ressentiment sondern: ein politischer Akt, mehr noch: heilige Pflicht. Wo Recht zu Unrecht wird und so.
Es geht also wohl um Abgrenzung von den Doofen aus der anderen Schulhofecke. „PoMo“ ist auf diesem Niveau das bewegungslinke Äquivalent zu „schwul“: Anders als du, du PoMo-Sau, kann ich mich knallhart positionieren und falle auf dieses bürgerliche Differenzierungsgeschwafel gar nicht erst rein. Ich weiß, was richtig und was falsch ist, ich habe die Namen, ich hab die scharfen Zitate, ich gehör dazu. Wer zugibt, was icht zu wissen, ist schwach, und Schwäche verliert.
Richtig von falsch zu scheiden ist die Aufgabe aller Kritik, verrät uns der Griechischunterricht. Aber darum geht es ja dem PoMo-Bashing nicht. Da gibt es nichts mehr zu scheiden, die Arbeit ist bereits getan. Die Wahrheit ist für alle Zeiten da und sie gehört uns. Etwas erkennen ist kein Prozess, schon gar kein beständiger fortzusetzender, sondern Erkenntnis ist aufgehoben in den richtigen Worten. Ich glaube irgendwie nicht, dass das irgendwie so funktioniert. Auch hier hab ich den Verdacht, dass eigentlich doch die herrschenden Verhältnisse immer alles vereindeutlichen wollen und so tun, als sei alles schon gesagt. Die Bewegung, etwas für unklar und möglicherweise auch im Moment nicht eindeutig bestimmbar zu halten, ist doch da revoöutionärer, als die Gegenwanderhure auszurufen. Und das führt auch nicht, wie man manchmal so hört, zum stubenhockerischen alles verstehen, alles gut heißen, sondern zum momentan aussichtsreichsten Handeln, in dem Bewusstsein, dass man sich auf dünnem Eis bewegt. Damit kann man natürlich vor den sexy Antifaboys´n´grrrlz nicht so auf dicke Hose machen, stimmt schon. Kacke.